Ein Interview mit Hr. Philippe Schmidt, Bereichsleiter der Multikulturellen Suchtberatungstelle beider Basel (MUSUB)

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Interview: Carmine Cucciniello

  1. Wie hoch ist der Anteil an Suchtmitteln über den ganzen Kanton bezogen?

Siehe: https://www.statistik.bl.ch/web_portal/14_5_9

Die Statistik gibt einen sehr guten Überblick über den Kanton BL.

Es sind vor allem die Kolonnen Alkoholmissbrauch und Substanzmissbrauch, zu beachten.

  • Konsumiert die Migrationspopulation andere Drogen als die einheimische Bevölkerung bzw. in welche Richtung gehen deren Suchtmittel?

Diese Frage kann pauschal so nicht beantwortet werden. Sucht und Abhängigkeit sind ein Gesellschaftsphänomen. Migranten und Migrantinnen konsumieren nicht spezifisch andere Drogen als „Schweizer“. Die Suchtentwicklung bei Menschen ist allgemein multifaktoriell bedingt. Die Wahl der Suchtmittel hängt, wie die Suchtentwicklung selbst, unter anderem von Alter, dem sozialen Umfeld, der Erhältlichkeit, der Persönlichkeit, den aktuellen und persönlichen Lebensumständen, der Kultur, den Migrationserfahrungen und der psychischen Gesundheit ab.

  • Ist der Suchtanteil von Migrationspopulation höher als von Schweizer Bevölkerung?

Nein. Je nach Landesteil, Stadt und Quartier mag es Unterschiede der Anteile geben. Auf die ganze Schweiz bezogen gibt es meines Wissens jedoch keinen höheren prozentualen Anteil von Migrantinnen und Migranten.

  • Früher redete man von Beschaffungskriminalität. Dieses Wort ist ziemlich verschwunden. Ist diese Begleiterscheinung nicht mehr akut?

Der Begriff „Beschaffungskriminalität“ wird tatsächlich nicht mehr oft verwendet. Ich meine, er kommt noch aus der Zeit, als noch viel Heroin konsumiert wurde. Heroin war teuer. Heutzutage existiert Beschaffungskriminalität bestimmt auch noch, jedoch nicht mehr in demselben Ausmaß. Finanziell schwächer gestellte Personen wie beispielsweise Jugendliche, Arbeitslose oder Sozialhilfeempfänger könnten eher betroffen sein, wobei bei dieser Gruppe das Suchtmittel oft Alkohol ist, also keine illegale Droge, und die Beschaffung häufig durch Ladendiebstähle erfolgt.

  • Wie werden die verschiedenen Sprachen und Kulturen von suchtmittelabhängigen Personen aufgefangen?

Die von den verschiedenen Migrantengruppen meist gesprochenen Sprachen werden bei uns auf der Fachstelle von den Beratenden selbst angeboten. Diese sind derzeit Italienisch, Französisch, Deutsch, Portugiesisch, Serbokroatisch, Englisch, Türkisch, Spanisch und Tamilisch. Alle anderen Sprachen müssten wir mit Dolmetschern (Dolmetschenden) abdecken, welche leider bis dato noch nicht finanziert werden.

  • Gibt es in Zusammenhang von Drogenkonsum eine Bandenbildung, oder so etwas wie Aufbau von Ghettos?

Wir beraten bei uns nur äusserst selten Personen, die Teil einer Bande waren und von sogenannten Ghettos habe ich noch nicht gehört. Es gibt jedoch durchaus gewisse Orte, wo sich suchtmittelkonsumierende Personen von gleichem oder ähnlichem Migrations- und Kulturhintergrund wiederholt treffen.

  • Wie werden Angehörige von Suchtmittelkonsumierenden in Suchtprojekte integriert?

Der familiensystemische Ansatz, im speziellen in der Arbeit mit Personen mit Migrationshintergrund, hat in der Suchtarbeit und bei der MUSUB einen sehr hohen Stellenwert. Bei der Arbeit mit selbst suchtbetroffenen Personen versuchen wir, wenn immer möglich, Angehörige in die Beratung mit einzubeziehen. Sehr oft, und immer mehr, kommen auch Angehörige zu uns in die Beratung. Dabei geht es darum, die Angehörigen zu unterstützen und wenn möglich über die Angehörigen Zugang zu den Suchtbetroffenen zu bekommen.

  • Wie kam es zu der Idee, eine multikulturelle Suchtberatungsstelle zu gründen?

Die MUSUB wurde vor 23 Jahren gegründet, weil man den Bedarf an Suchtberatung auf Italienisch in der Region Basel erkannte. Nebst dem Italienisch war jedoch auch ein transkulturelles Verständnis gefragt. Damals gab es viele Italiener, die eine Suchtproblematik (verm. vorwiegend Alkohol) hatten, doch eine Anlaufstelle fehlte. Daraus entstand die Idee, die MUSUB zu gründen und wenig später wurde das Beratungsangebot auch auf andere Sprachen ausgeweitet.

  • Wie wird die Suchtberatungsstelle finanziert?

Die MUSUB wird zum grössten Teil von den beiden Kantonen BS und BL mittels Leistungsverträgen finanziert. Hinzu kommen Stiftungsgelder, Spenden und Eigenleistungen.

  1. Wie kontaktieren Hilfesuchende, ihre Beratungsstelle?

Die MUSUB kann via Telefon oder E-Mail erreicht werden. In der Regel erhält man innert 7 – 10 Tagen einen Ersttermin. Die Beratung ist für Bewohner von BS und BL kostenlos. Wie beim Arzt stehen auch wir unter Schweigepflicht.

Kontakt MUSUB:

Telefon: 061 273 83 05

Adresse: Peter Merian-Strasse 30, 4052 Basel

Öffnungszeiten:

Montag               08:30–12:00, 14:00–17:00

Dienstag             08:30–12:00, 14:00–17:00

Mittwoch            08:30–12:00, 14:00–17:00

Donnerstag       08:30–12:00, 14:00–17:00

Freitag                 08:30–12:00, 14:00–17:00

Samstag 

            Geschlossen

Sonntag              Geschlossen

MUSUB

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dzytig

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